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Unser besonderer Dank gilt unserem kompetenten Reisebüro PlanReisen, der uns als Spezialist für Indienreisen seit über 10 Jahren bestens betreut.

Mit  Unterstützung von

 

Gerd Gruhn

 

Fotografie

 

Hochzeit, Event, Studio und mehr

Indienblog 2022

Fr

25

Mär

2022

Mahsus feel! Teil 2

Es war früh am Morgen, als wir wieder bei unserer Gruppe in Bhopal eintrafen und gemeinsam in die letzte Projektphase starteten. Wir waren bereits seit einigen Stunden unterwegs. Wir kamen aus Bodhgaya, einer der heiligen Städte des Buddhismus und der Heimatstadt von Creacting India. Hier hatten wir knapp zwei Wochen verbracht und ich hatte mit all meinen Sinnen Indien erleben dürfen. Unsere Zwischenstation Bodhgaya war ein komplett eigenes Kapitel auf meiner Reise gewesen. Das Bhopal - Projekt war mir nun vertraut und auch andere Teile von Indien hatte ich jetzt sehen dürfen.

 

 

Ich freute mich sehr auf das Wiedersehen mit der Gruppe. Neben Vinod und Abhishek hatten wir diesmal auch die beiden „Dreamcatchers“ Majid und Suraj mit an Bord. Sie unterstützten uns noch einmal in der Endphase des Projektes und hatten bereits einen guten Draht zu der Bhopal -Gruppe. Für die beiden war die Reise mit dem Flugzeug nach Madhya Pradesh etwas ganz Besonderes. Für Suraj war es der erste Flug und er bekam von CreActing etwas Geld für neue Kleidung bereitgestellt.

 

Unsere Anreise war lang. In Patna, von wo wir über Delhi nach Bhopal fliegen wollten, hatte unser Flieger bereits Verspätung. Das hieß, dass wir unseren Anschlussflug in Delhi verpassen würden und eine Nacht in Delhi verbringen mussten. Dieselbe Prozedur hatten wir bereits auf unserer Anreise nach Bodhgaya durchgemacht. Den Anschlussflug zu verpassen bedeutete: Langes Warten am Flughafen und eine Auseinandersetzung mit der Fluggesellschaft Indigo und deren Verantwortlichen. Da ohne Druck von außen die Fluggesellschaft kein Interesse daran hatte die Kunden durch Transfer und Unterbringung zu entschädigen. Die unermüdliche Beharrlichkeit von Abhishek, Vinod und Wolfgang hatte letztendlich Erfolg und der ungeplante Aufenthalt wurde für uns etwas erleichtert, dennoch hatten wir einen weiteren nicht eingeplanten Zwischenstopp und eine Anreise mit wenig Schlaf.

 

Mit ein paar Stunden Schlaf starteten wir direkt ins Projekt. Und gleich mit einem richtigen Highlight für alle. Es ging in einen Wasserpark. Nach einer Schnelltest – Aktion konnte der Spaßtag für alle beginnen. Für viele war es der erste Besuch eines Wasserparks überhaupt. Gemeinsam mit Pallav, unserem Ansprechpartner von Muskaan ging es in zwei prallgefüllten Kleinbussen zum Wasserpark. Es war ein großer Wasserpark weit außerhalb von Bhopal. Am Eingang des Parks wurde vorweg ein Tanz aufgeführt und traditionell eine lange „Foto Session“ gehalten.

 

 

Der Park war eine Parallel-Welt, eine Mischung aus luxuriöser Pool-Anlage, Rutschen-Paradies, Palmen und Statuen inmitten indischer Wildnis und Abgeschiedenheit. Nach einem kurzen Abtasten in dieser fremden Umgebung wurde sich reichlich vergnügt. Es wurde im Wellenbad getobt, waghalsige Rutschen getestet und an der Pool-Anlage zu lauter Musik getanzt. Wir hatten großen Spaß miteinander und ich fühlte mich sehr glücklich. Der ganze Park wurde von der Freude angesteckt und auch die Inder werden dieses Erlebnis so schnell nicht vergessen. 

 

 

Am nächsten Tag starteten wir dann mit dem Workshop Programm und damit unser Stück Bühnen reif zu machen. Wir hatten sechs volle Tage bis zu unserem ersten Auftritt. Ich war guter Dinge, da wir als Team bereits eine sehr gute Basis geschaffen hatten. Am Ende des ersten Workshops hatten wir bereits alle Rollen verteilt und die komplette Show einmal Szene für Szene durchgespielt. Nun ging es daran die Szeneabläufe zu vertiefen, Einzelproben einzubauen, mit Kostümen zu spielen und die Technik ums Stück herum zu proben. Wir setzten einen neuen Tagesplan an, bei dem wir vormittags und abends eine Durchlaufprobe machten, da es jetzt die Mittagshitze nicht anders zuließ.

 

Der Fokus lag bei allem nun voll auf der Show. Zum Wiedereinstieg ins Theater machten wir am ersten Tag eine gemeinsame Gefühlsübung. Die Übung zeigte, dass die Gruppe bereits fortgeschritten war und schnell wieder bei voller Spiellaune anlangte. Dann wurde die Show wieder und wieder angespielt, zudem wurden die Tänze vertiefend choreographiert und der Sprachgesang einstudiert.

 

Die Show ist gefüllt mit Tanz - Momenten. Neben einem Freundschaftstanz, entwickelten sich weitere Tanztheater – Choreographien, die sich durch das Stück spannen und es abwechslungsreich machen. Des weiteren wurde ein „Basti“ Song rhythmisch in das Stück integriert, welcher zum Thema des Stückes passte. Das Stück wird abgeschlossen mit einem Bollywood Tanz, an dem auch ich mit voller Freude mittanzen durfte.

 

Die Szenen-Abläufe wurden immer weiter vertieft und die Showtage rückten näher. Die Durchlaufprobe gewann an Präsenz und Energie. Ich spürte, die Gruppe gab ihr bestes, Feedbacks direkt ins Spiel umzusetzen und somit nahm die Show immer weiter Form an. Die Kostüme zeigten ihre Wirkung, wobei einige mehr hervorstachen als andere und wir uns bis zum letzten Tag an kreativen Möglichkeiten für eine ästhetische Strahlkraft der Kostüme abarbeiteten. Kostüme in Indien in Auftrag zugeben, wobei man an Ort und Stelle kaum Kontakte parat hat, ist keine leichte Aufgabe, zumal wir ehrlicherweise keinen hochtalentierten Zeichner in unserem Leitungsteam hatten.

 

 

Auch Musik und Lichttechnik brachte selbstverständlich Hürden mit sich. Dennoch war es toll zu beobachten, wie zwei hochmotivierte und wissbegierige Jugendliche von Muskaan uns unterstützten und in einer kurzen Zeit sich alle technischen „Know - how’s“ erarbeiteten, um die Show zu bereichern.

 

Die zweite Workshopphase war angenehm und mit weniger Druck, da es eine eindeutige Richtung gab und wir uns am Stück orientieren konnten. Während wir in der ersten Workshopphase Ideen sammeln und kreativitätsfördernde Momente schaffen mussten. Eine Struktur gaben weiterhin Morgen- und Abendrunde, sowie die vielen Durchlaufproben. Die Gruppe arbeitete immer selbstständiger. In Einzelproben und Tanz Trainings klappte das sehr gut. In einer Probeszene, in der zwei Teilnehmer*innen die Leitung übernahmen, gab es allerdings Diskussionsbedarf. Ich denke solche Erfahrungen gehören zu einer Ausbildung dazu und gerade das Feedback geben in einer Fortgeschrittenen Gruppe ist eine Herausforderung.

 

Eine weitere Herausforderung, so zeigte sich, ist das Lernen von Schlüsselsätzen für die Show. Die Schlüsselsätze wurden intensiv geprobt, da sie die inhaltliche Richtung der Show vorgaben. Ansonsten waren die Spieler*innen in ihrer sprachlichen Form frei. Ich konnte nicht garantieren, ob die Schlüsselsätze am Ende auch alle gesprochen wurden und ob der Inhalt der eigenen Show allen voll und ganz bewusst ist, aber ich kann mit Freude versichern, dass ich eine Entwicklung beim Lernen den Sätze beobachtete. Für den Zuschauer, der das Geschehen auf der Bühne in einer fremden Sprache aufmerksam verfolgte, kam der zentrale Inhalt der Show an. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass einzelne Teilnehmer*innen nicht alles verstanden, was sie zum Ausdruck brachten. Dies waren allerdings Ausnahmen in der Gruppe gewesen.

 

Bei einigen Teilnehmer*innen war eine Konzentrationsschwäche zu beobachten gewesen. Ich versuchte mir dies zu erschließen und kam zu dem Schluss, dass es wohl möglich mit „offline sein“ und Handy Abstinenz zusammen hing. Eine weitere Vermutung war, dass das Einprägen von Sätzen dadurch erschwert wurde, dass einige der Teilnehmer*innen nicht lesen oder schreiben können, woraus die Konzentrationsschwäche entstand. Dennoch hatte jeder der Teilnehmer*innen seinen Moment in der Show und das war toll!

 

Durch das selbstständige Arbeiten der Gruppe, hatte auch ich mehr Freiräume. Diese nutzte ich zum Beispiel, um mit Christian ein Buch für die Gruppe fertig zu stellen. Mit dem Buch „Theatre act brief overview„ nach der Methode act, kann die Gruppe auch nach Abschluss der Theaterausbildung in Muskaan und in ihren Slums weiterarbeiten und Workshops geben. Des weiteren wurden Poster und Zertifikat für den Projektabschluss erstellt.

 

 

Insbesondere die Abendaufführungen brachten eine besondere Atmosphäre an den Spielort und vereinzelt mischten sich auch gebannte Zuschauer unter unsere Gruppe. Unsere neue Bühne aus Spannseilen, sowie schwarzen und weißen Vorhängen, die nun in farbiges Licht getaucht wurden, gab ein tolles Bild ab.

 

Die erste Aufführung der „Dera Theatre Group“ war gleichzeitig die letzte Aufführung für Wolfgang, Christian und mich. Am Aufführungstag konnten wir mit Karaoke nochmal etwas abschalten. Wir verspürten alle eine gesunde Anspannung. Später wurde mit reichlich Torte ein Geburtstagsgruß an Wolfgangs Tochter geschickt und alle waren bei bester Laune.

 

Am Nachmittag ging es für alle gemeinsam zum ersten Aufführungsort. Das Gebäude der Muskaan Organisation ist ein sogenanntes „mud house“ aus Lehm und Kuhmist. Der große Bau wurde in einer beeindruckenden künstlerischen Art und Weise errichtet. Ein prächtiger Spielort. Trotz alledem hat die aufreibende gemeinnützige Arbeit der NGO ihre Spuren hinterlassen. Denn die NGO hat immer wieder mit der Verwaltung zu kämpfen, ihre sozialen Tätigkeiten durchzubringen und den Menschen aus den „Bastis“ eine Perspektive zu ermöglichen.

 

Am Spielort wurde ich überschwemmt mit Eindrücken. Ich zog eine große Aufmerksamkeit bei der Ansammlung an Kindern und Jugendlichen auf mich. Ich führte „small Talk“ Gespräche, bekam berührende und erschütternde Lebensgeschichten zu Ohr, verschaffte mir einen Überblick vom Spielort, an dem gleichzeitig auch viele Kinder und Jugendlichen lebten. Die Gruppe versuchte sich ihren Spielort einzurichten und provisorisch einen Vorhang zu montieren. Ich verlor bei dem Chaos für einige Zeit etwas den Überblick. Ich war froh meine Gruppe um mich zu haben.

 

Als ganze Gruppe sammelten wir in einem gemeinsamen Warm – up, bereits vor den Augen vieler Zuschauer, die volle Energie für die Show. Das Zusammenhaltgefühl war spürbar und verteilte sich bis auf die Matten des Publikums. Die Dämmerung trat ein und immer mehr Inder kamen zum Platz. Es war eine tolle Atmosphäre. Das Ergebnis einer anderthalb-jährigen Ausbildung konnte endlich präsentiert werden.

 

Vor der Show wurde ein weiteres Theaterstück von Jugendlichen der Muskaan Organisation aufgeführt. Es war bereits dunkel und unsere Spieler*innen nahmen erst mal im Publikum Platz. Das andere Stück war fesselnd und schockierend zugleich. Es thematisierte die Ungerechtigkeit, mit der die Inder in ihrer Lebensrealität konfrontiert sind. Das Theater der Unterdrückten. Gewalt, Suizid und Diskriminierung wurden auf der Bühne von jungen Menschen verkörpert, die diesen sozialen Umständen ausgesetzt sind. Das Publikum nahm die Szenerie auf der Bühne gefasst wahr. Einige brachen in Tränen aus, so auch einige unserer Spieler*innen. Sie konnten dieser harten Realität nicht ins Auge blicken. Ich konnte sie gut verstehen und versuchte sie aufzubauen. Eine Lösung für die Probleme, die auf der Bühne gezeigt wurden, gab es nicht. Stattdessen wurde das Publikum gefragt. Das ganze Schauspiel hat mich sehr berührt, auch wenn es schwer zu ertragen war. Es blieb ein Gefühl von Ohnmacht. Ich war froh, dass unser Stück als Programmpunkt folgte, um die Stimmung wieder aufzuhellen und das Publikum lachen zu sehen.

 

 

Die Show war ein Spektakel! Gebannt saß ich in der ersten Reihe und sah unsere Spieler, wie sie sich die Seele freispielten. Die Show war eng getaktet und fesselnd. Hinter mir hörte ich die indische Kulisse in jeder Szene mitfiebern. Das Publikum war mit auf die Theater - Reise aufgesprungen.

 

Nach Abschluss der gelungenen Show, folgte die Zertifikatsverleihung. Die Gruppe war voller Dankbarkeit und total gerührt über die Auszeichnung zur abgeschlossenen Theaterausbildung. Ich merkte, dass der symbolische Wert eines eigenen Zertifikats für alle sehr große Bedeutung hatte und die Gruppe ließ sich zurecht auf der Bühne dafür feiern.

 

Die Verabschiedung von der Gruppe war für mich hart und kam unbewusst plötzlich. Die Abendrunde ging bis tief in die Nacht. Einige aus der Gruppe nickten während der Runde ein, weil sie so ausgelaugt von dem Tag waren und alles gegeben hatten. Dennoch wurde allen die Zeit gegeben, abschließende Worte zu finden. Dankbarkeit und Tränen flossen. Das Gefühl, dass wir eine geschlossene Gemeinschaft waren überkam mich erneut. Ich verließ den Ort mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

 

Ich war emotional sehr zerrissen an diesem letzten Tag. Ich hatte soviel gelernt auf dieser Reise. Ich hatte mich mit niemanden auf der Reise gestritten, viele neue Freunde gewonnen und unvergessliche Momente erlebt, die ich für immer im Herzen tragen werde. Danke Creacting Germany, Danke Creacting India und Danke „Dera Theatre Groupe“! „Jai ho“!

 

So

20

Mär

2022

Mahsus – feel!

 

Meine bevorstehende Indien-Reise konnte ich erst so richtig realisieren in dem Moment, wo sie eintrat. Denn so richtig einstellen auf das, was mich in den kommenden eineinhalb Monaten erwarten würde, konnte ich mich nicht. In meinem Kopf waren primär bürokratische Szenarien der Pandemie Einreise zu durchdenken gewesen. Die ständig wechselnden Bestimmungen zu Testpflicht, Aufenthalt und Quarantäne in Indien, die dank der Omikron Welle eine Zitterpartie waren, fielen erst ab als wir in Bhopal bei unserer Theatergruppe ankamen. Es sollte ein Eintauchen und Abtauchen in eine andere Wirklichkeit werden. Ein erstes Highlight war ein kurzes Rennen auf unseren Gepäcktrolleys durch den leeren Flughafen in Doha, gemeinsam mit meinen Reisekumpanen Wolfgang und Christian gewesen. Ich freute mich auf die bevorstehenden vier Wochen in Indien und die anschließenden zwei Wochen in Nepal. Für eine Weile dem Hamsterrad entfliehen, bestehend aus Corona News, den andauernden Regentagen in Hamburg und dem Alltagsleben.

 

Der Fokus unserer Indien-Reise war das Bhopal Projekt in Zentralindien, was seit eineinhalb Jahren von CreActing India mit der NGO Muskaan und mit ASHA in Frankfurt als Kooperationspartner durchgeführt wurde und jetzt in einer finalen Phase mit der Entwicklung einer eigenen Show abgeschlossen werden sollte. Das Wort „social distancing“ verschwand bereits an der Sicherheitskontrolle am Flughafen in Delhi, wo ich nebenbei auch lernte, dass man sein Gepäck nur durch die Kontrolle bringen konnte, wenn man sich in die Menschentraube stürzte, um eine Gepäckbox zu ergattern, ganz nach dem Prinzip „survival of the fittest“. Angekommen am kleinen Airport in Bhopal überkam mich die Müdigkeit nach den vielen Stunden im Flugzeug und den Transit-Aufenthalten in Delhi und Doha. Diese versuchte ich geschickt zu vertuschen, da mich unser Projektort in Bhopal erwartete und ich sehr gespannt auf den Empfang der bhopalischen Jugendlichen war, die bereits einen Tag früher angereist waren. Ich freute mich ein erstes Mal die indische Luft einzuatmen. Sie war sehr angenehm in diesem Augenblick. Als wir drei (Christian, Wolfgang und ich) aus dem Flughafengebäude hinausgingen begrüßte mich ein sonniges Indien mit einem angenehmen leichten Lüftchen.

 

Auf der kurzen Strecke zu unserem Projektort ganz in der Nähe des Flughafens, die wir in einem Taxi zurücklegten, überkam mich ein unbeschreiblich schönes Gefühl, eine Gefühl der Heimkehr. Ich erfuhr einen „Flash back“ zu meiner Zeit in Südostasien vor einigen Jahren. Die trockene, diesige Luft zeigte, dass es länger nicht geregnet hatte. Die Straßen waren voller Leben und an den großen Hauptstraßen, die zu und weg von Bhopals Zentrum - der Metropole mit über einer Million Einwohnern – führten, war ein reges Treiben zu beobachten. Die teils heruntergekommenen Gebäude waren mit Adivasi Kunst verziert und an den Straßenkreuzungen, an denen Abzweigungen in trockenes Land und in Industriegebiete an den Rand der Stadt führten, wurde frischer Chai aufgekocht und Streetfood frittiert. Wir nahmen eine dieser Abzweigungen und fuhren auf einen Hinterhof. Auf dem Gelände war ein Career College und ein verlassenes Schulgebäude, welches während unseres Aufenthaltes zumeist unbesucht blieb. Unsere Unterkunft war ein hellgelbes Gebäude mit einem zugänglichen Innenhof. Das Haus hatte einen kleinen Vorgarten und war in Richtung einer lebendigen und bunten Flora ausgerichtet. Ein sehr ruhiger Ort, an den ich mich sehr schnell gewöhnte. Der Baukomplex wurde zuvor bereits als Unterkunft für die Jugendlichen der Muskaan Organisation genutzt, welche hier eine Bleibe bekamen und Angebote erhielten um den prekären Bedingungen in den Bastis zu entkommen.

 

Als wir ankamen wurden wir sehr herzlich von der Bhopali – Gruppe empfangen. Die Gruppe empfing uns mit einem traditionellen Begrüßungslied aus einer der Bastis, uns wurden bunte Blumenketten angelegt und wir bekamen die Tikka Farbe auf unsere Stirn; des weiteren brannten Feuer Pujas und unsere Ankunft wurde von allen Seiten mit Handykameras festgehalten. Es war ein ganz besonderer Moment, da ich die Bräuche und Traditionen Indiens erleben und eintauchen konnte und in den kommenden Wochen noch viele solcher tiefen kulturellen Erfahrungen folgen würden. Gleichzeitig verspürte ich meine Müdigkeit und versuchte diese zu vertuschen. Wir teilten uns das Haus gemeinsam mit Abhishek, Vinod, der Gruppe und einem Koch und blieben weitestgehend für uns. Dies war ein großer Vorteil für den Entwicklungsprozess des Projektes. Im Projekt bot sich uns ein einfacher Wohnstandard, den wir aber recht zügig mit einigen Dingen wie Tische, Stühle, Wäscheleinen und Bettgestell aufpeppten. Als wir ankamen hatten wir lediglich einen dünnen Teppich und jeweils zwei Styropor Matratzen für den Boden zur Verfügung. Die NGO Muskaan war aber stets bemüht, uns Wünsche und Aufträge von den Lippen abzulesen, und unterstützte uns tatkräftig im Projekt. Ich hatte derweil keine Ansprüche an meine Unterkunft und erfreute mich die Zimmer, Bäder und das Essen so zu erleben wie es die Bhopal – Gruppe tat. Über ein Bettgestell und eine warme Decke freute ich mich dennoch, weil ich wusste, dass es besser für meinen Rücken ist und ich nachts nicht frieren werde.

 

Unser erster Workshop Tag verlief sehr positiv. Ich freute mich sehr auf die folgende Projekttage und war animiert mich mit voller Freude auf die Gruppe einzulassen. Auch die Gruppe spiegelte dies in einer offenen gemeinschaftlichen Abendrunde wider. Es zeigte sich schnell, dass Vinod und Abhishek bereits intensiv mit den Jugendlichen gearbeitet hatten. Die ersten Tage verliefen für mich sehr kurzweilig und ich hatte das Gefühl, schnell in der Gruppe angekommen zu sein.

 

Geweckt wurden wir regelmäßig von indischer Musik, Handy Sounds oder dem lauten Ausspülen des Rachenraumes in der täglichen Morgenroutine der Inder. Diese versammelten sich zu früher Stunde gleich neben unserem Raum, um zu duschen. Die ersten Tage starteten wir täglich um 10 Uhr mit einem Bollywood Tanz als warm – up. Ich hatte großen Spaß am Tanzen und es war eine gute Gelegenheit in die Gruppe zu finden.

 

 

Auch die Morgenrunden verliefen offen und gesprächig im gemeinsamen Austausch und ich hatte das Gefühl, dass wir ohne lange Anlaufzeit die Dinge freiheraus miteinander teilen konnten. Der Workshop am Vormittag war für mich gerade am Anfang sehr besonders. Durch die Spielaufgaben fand ich schnell einen Kontakt zu der Gruppe und zu den einzelnen Spieler*innen, sowie zu meinem neuen Umfeld. Durch vielfältige Spielaufgaben wie Indiaka, Gefühlsübungen und Raumlauf, konnte ich gut in den Gruppenprozess eintauchen. Beim immer wieder abwechslungsreichen Raumlauf, wo wir mal Hai, mal Fischschwarm, mal Wasserflasche mal Jelabi (eine indische Süßigkeit) anspielten, konnte man schnell eine emotionale und spielerische Verbindung zu den Teilnehmer*innen aufbauen. Mal die pure Freude die man mit allen zu teilen vermag, mal die pure Verzweiflung und die Ungerechtigkeit. Die Gruppenenergie, so hatte ich das Gefühl, war mitreißend und ich konnte sie einsaugen. Auch die täglich kurzen Meditationen verankerten mich an den Ort und ich lernte Einiges übers Meditieren dazu. Bei der Meditation spürte ich die warme indische Luft und ein Duft aus der Küche kam hinzu. Ich fühlte mich heimisch und wohl an diesem Ort. Nichtsdestotrotz bekam ich visuell nicht viel von der indischen Realität mit. Ebenso die echte Lebensrealität der Teilnehmer*innen, die mir erst später bewusst wurde oder mir ganz fernblieb. Die Vögel zwitscherten und ich hatte das Gefühl man gibt diesen tollen Menschen eine Chance. Einen Samen aus dem einmal ein großer Baum wachsen sollte und all dies nahmen sie war.

 

Im zweiten Block des Tages wurden szenische Spielaufgaben und Konzeptarbeiten umgesetzt und auf einer kleinen improvisierten Bühne geprobt. Die Spielthemen für die Konzeptaufgaben gaben wir der Gruppe vor ; diese sollten dann kreativ und improvisatorisch umgesetzt werden. An der Planung der Übungen für den kommenden Workshop-Tag saßen wir die Abende zuvor in der Regel bis tief in die Nacht. Es zeigte sich, dass die Gruppe immer wieder gesellschaftspolitische und traditionelle Themen aus ihrer Lebenswelt anspielte. Wir versuchten das kreative Vorstellungsvermögen bei der Gruppe zu stärken und ihnen ein größeres Fantasie-Bewusstsein zu ermöglichen. Die harten Realitätsthemen sollten mit echten Gefühlen zum Ausdruck gebracht und auch in einen humorvollen Rahmen gepackt werden. Der Kern des Stückes, ist aus diesen äußeren Zwängen auszubrechen.

 

Ein echtes Highlight war ein Treffen mit den Eltern der Spieler*innen gewesen. Einige Eltern folgten unserer Einladung und kamen an unseren Spielort. Wir berichteten von unserer Arbeit und die Gruppe warf sich in schwarze Spielkleidung und trat ein erstes Mal vor größerem Publikum auf. Die Veranstaltung kam gut beim Publikum an und wir waren erleichtert, da es ein großes Spannungsfeld ist, wenn die Jugendlichen sich durch die Teilnahme an unserer Theaterausbildung ihrer familiären Pflichten entziehen. Wenngleich einige Jugendliche traurig waren, dass sie keinen Support von der Familie bekamen. Für mich war es eine große Ehre einige Eltern zu treffen und ich hatte weitere tolle Begegnungen an diesem Tag, plus meinen ersten Tanzauftritt.

 

 

Bei einer Konzeptarbeit erlebte ich bei einem eigenen Spielerlebnis meinen persönlichen Tiefpunkt. Es entwickelte sich auf der Bühne ein chaotisches Spiel zusammen mit meiner indischen Spielgruppe. Ich fiel immer wieder aus meiner Rolle heraus, weil ich dem eigenen Schauspiel auf der Bühne nicht folgen konnte und nicht wieder ins Spiel hineinkam. So wirkte ich auf den Zuschauer sicherlich etwas unbeholfen in diesem Augenblick. Auch meinen Mitspielern war die Verwirrung anzusehen. Letztendlich konnte ich über unser Spiel aber schmunzeln und ich merkte schnell, dass sprachliche Barrieren auch eine gewisse Hürde sein können. In einen Gruppenprozess reinzugehen, wo man sich kaum mit seinem Gegenüber auf Englisch verständigen kann, ist nicht immer leicht, aber man findet über eine emotionale Ebene einen Austausch zu den Spieler*innen. Ich hätte gerne etwas mehr spielerische Erfahrungen gemacht, aber es sollte das Stück der Bhopal – Gruppe werden, sie wurden ausgebildet und das war toll!

 

Die Zeit verging wie im Fluge. Wir verspürten einen gewissen Druck, da wir ja eine Show entwickeln mussten. Die Idee zur Show entwickelten wir in einem Gemeinschaftsprozess mit der Gruppe. Sie zeigten uns immer wieder mitreißende Inszenierungen aus den Spielaufgaben, wobei Gefühle und Technik immer besser verkörpert wurden. So konnten wir schlussendlich die Show formen. Die Show „Mahsus“ (Feel!). Die Geschichte der Show erzählten wir der Gruppe in Form einer Traumreise. Am vorletzten Tag unserer ersten Workshopphase hatten wir den roten Faden einer Show. Natürlich befindet sich die Show in einer ständigen Entwicklung und kann immer wieder ausgearbeitet und weiterentwickelt werden. Wir waren aber glücklich, dass wir unser erstes Ziel erreicht hatten.

 

In unserem dritten Workshop Block am Abend machten wir häufig Traumreisen oder Partner-Massagen. Für die Massage wurde sich viel Zeit gelassen und die Techniken waren Teil der Ausbildung der Gruppe. An einem Abend erlebte ich einen sehr besonderen Augenblick. Ich konnte mich auf die Massage meines Partners voll und ganz einlassen. Die einfühlsamen Berührungen brachten meinen Körper in einen absoluten Entspannungsmodus. Ich war so abwesend gewesen, dass mein Partner Probleme damit hatte, mich wieder in eine aufrechte Position zu bringen. Als ich in seine Arme fiel, verspürte ich nur noch emotionale Dankbarkeit. Eine echte Seelenverbindung.

 

Eine gewisse Eingewöhnungszeit brauchte ich, um die Rolle der höheren Stellung als Leiter anzunehmen. Da ich ja sowieso schon ganz andere Privilegien, als alle Menschen die ich in Indien traf, besaß. Das Unterordnen und Annehmen dieser Umstände ist sehr gefestigt in Indiens Kultur. Ein klares hierarchisches Muster, was für mich über eine gutmütige Gastfreundlichkeit hinausging und womit ich so meine persönlichen Auseinandersetzungen hatte.

 

In meine Rolle als Praktikant hatte ich das Gefühl einige Tage hineinwachsen zu müssen. Ich befand mich in einer Zwischenrolle, da ich Regie und Feedback geben größtenteils Wolfgang und Christian im Workshop überließ. Dennoch musste ich eine gewisse Distanz zu den Teilnehmer*innen einnehmen. Mit der Zeit fand ich immer besser in meine Rolle und konnte diese auch gut füllen.

 

 

Eine weitere Herausforderung war für mich sicherlich mit der Ungerechtigkeit und den persönlichen Lebensschicksalen der Teilnehmer*innen zurecht zu kommen. Alle kannten die Umstände und ich lernte sie kennen. Sie teilten ihre Probleme offen mit uns und dies war sicherlich gut, denn es hilft die Dinge anzusprechen. Ich gehe davon aus, dass es auch für die Gruppe nicht immer leicht war aus ihrer Welt heraus eine eurozentrische Lebensweise näher zu erfahren. Raus aus der eigenen Realität. Gemeinsam fanden wir, das sagte mir mein Gefühl, einen guten Weg miteinander und hatten den gemeinsamen Wunsch nach Theater, Tanz und Spaß.

 

Am letzten Abend saßen wir an einem gemeinsamen Lagerfeuer und einige aus der Gruppe waren sichtlich verängstigt in ihr familiäres Umfeld zurückzukehren. Ein unheimlicher Druck, den ich nicht nach zu empfinden vermochte.

 

Als Gruppe, davon war ich der festen Überzeugung, konnten wir in den elf Tagen eine Spielentwicklung und einen Zusammenhalt formen. Wir konnten gemeinsam aus unser persönlichen Realität herausbrechen, wenn Abhi am Lagerfeuer die Rätselfragen seines Großvaters erzählte, auf der Bühne fantasievolle Geschichten erzählt wurden oder wir gemeinsam in die Nacht tanzten. Wir konnten über die selben Dinge lachen. Der Abschied von der Gruppe war verkraftbar, da wir uns alle in ein paar Tagen wieder sehen sollten. Der Abschied klang aber gleichzeitig auch nach und ich musste weiterhin viel an die Gruppe und die verbrachte Zeit denken. Bald sollte es weitergehen „Jai Ho“ (deutsch = Auf gehts!) auf zu den „Dreamcatchers“ !

 

 

Vielen Dank „Dera Theatre Group“ (Dera = Wanderndes Volk, Nomaden) für euren Glanz. Mögt ihr noch viele Bühnen bespielen und viele Workshops leiten!

 

 

Yannik