Auch bei unserem dritten Besuch in Bodhgaya werden Träume wahr. Wir nehmen Künstler aus aller Welt mit an Board, um den Kindern verschiedene kreative Ausdruckformen zu ermöglichen. Julia aus
Russland gibt den Kindern eine Reihe von Workshops in Modernem Tanz. Eine Yogalehrerin aus Kanada bringt neue Yoga-Impulse, und ein Student aus Bodhgaya komplettiert das Ganze mit einer Prise
echtem indischen Bollywood Dance. So bietet CreActing e.V. immer mehr eine kreative Plattform für kulturellen Austausch, die von Menschen verschiedener Kulturen genutzt werden kann. Die Impulse
wirken in das Spiel der Kinder hinein.
Diesmal gibt es drei ganz besondere Aufführungen: Am 24. Dezember begeistert “Dreamtime” im Hari-Om Zeltrestaurant eine Schar von Pilgern aus Ost und West: Europa, Amerika, Asien und Australien. Über die kulturverbin-dende Darbietung der Kinder können die Barrieren des Kastensystems spielerisch mit Leichtigkeit durchbrochen werden. Echte Begegnung wird möglich. Am nächsten Tag spielen “unsere” Waisenkinder für Waisenkinder im Orphan Ashram in Bodhgaya - ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk!
Am 5. Januar dürfen wir vor der 24 m hohen Buddhastatue spielen, mit der wir im letzten Jahr schon geliebäugelt hatten. Der verantwortliche Lama, der selbst gern Theater machen würde, ist von der Aufführung begeistert. Er lädt uns ein, im nächsten Jahr diese außergewöhnliche Bühne wieder zu bespielen. Ein weiterer Input für unsere Arbeit kommt von einer Entwicklungshelferin aus England, die im Umweltschutz aktiv ist. Sie möchte gern mit uns zusammenarbeiten, um das Bewusstsein der Einheimischen und Besucher für das Müllproblem zu schärfen. Nach einer gemeinsamen Müllwanderung entsteht der Ansatz für das nächste Stück, mit dem wir 2012 weiterarbeiten werden.
Mit dem Thema “Dreamtime” (Traumzeit) entsteht eine Show, die so bunt und vielseitig ist wie die Träume, aus denen sie entstand. Die Alkoholszene aus dem letzten Jahr spielt dabei eine zentrale Rolle und kann nun über die öffentliche Bühne in ein breiteres Publikum zurück reflektiert werden. Santosh wird durch den Alkohol immer aggresiver und verjagt alle Freunde, bis er schließlich ganz allein ist. Allein mit seinen inneren Dämonen. Die Angst durchdringt ihn, bis sein Schrei seinen Schockzustand löst. Nun nimmt er seine innere Stimme wahr, die ihn vor der Selbstzerstörung schützt. In Form eines Schmetterlings bedankt sich die innere Stimme schließlich bei Santosh dafür, dass er sie gehört hat. Das Stück hat ernste, aber auch fröhliche und lustige Seiten. Spaß und Spielfreude sind die wichtigsten Pfeiler unserer Arbeit. Damit lassen sich auch ernste Themen leichter bewältigen.
Babi und Rajni hatten vor einem Jahr einen schweren Unfall. Eine Hochspannungsleitung war auf sie gefallen und sie waren regungslos liegen geblieben. Sie mussten Monate im Krankenhaus verbringen. Chanda begegnet uns die ersten Tage stets unglücklich und ist häufig krank. Beim Theaterspielen blühen die drei auf. Babi hält mit ihren beiden übrig gebliebenen Finger die Holzstangen des Schmetterlingskostüms fest und tanzt ihren anmutigen Tanz. Rajni beschenkt das Publikum mit einem reichen Blumenregen. Und Chanda zeigt sich als starke Powerfrau, die die Kerle beim Gewichtheben in die Tasche steckt.
Wir führen eine kurze Version des Stücks bei einer Hochzeit auf, und die 45-minütige Gesamtfassung fünf mal vor Publikum an besonderen Orten. Die Kinder organisieren sich völlig selbstständig. Beim ersten Auftritt schleppen sie kurzerhand mit vereinten Kräften ihre Schulbänke auf die 300m weit entfernte Wiese, um sich dort eine Bühne zu bauen. Im Back-stage helfen sie sich gegenseitig beim Schminken und Umziehen. Und auch den Ablauf meistern sie ohne Hilfe von Erwachsenen. Wir staunen über die enorme Veränderungen in der Persönlichkeit und im Umgang miteinander, die wachsende Selbstständigkeit des Einzelnen sowie der Gruppe als Ganzes. Gerade für die Mädchen eröffnen sich dadurch komplett neue Perspektiven: Die Frauen sind in der Öffentlickeit kaum zu sehen, stehen komplett in der Abhängikeit der Männer. Greifen die zum Alkohol, so dass sie ihre Familien nicht mehr ernähren können, müssen die Frauen sich selbst helfen. Die Stärkung der Persönlichkeit und der Imagination bilden dafür eine wichtige Grundlage. “Ich habe hier schon viele Westler kommen und gehen sehen, die irgendetwas tun wollten. Aber das was ihr macht, das ist wirklich effektiv!” - so wird unsere Arbeit von internationalen Entwicklungshelfern mit langjähriger Indienerfahrung eingeschätzt.
Stimmen nach der Dreamtime-Aufführung um Shivatempel:
... auf dem Weg nach Hause habe ich mich gefragt ob ich geträumt habe..
Surrealistisch; wunderbare Kinder!
(Aifix, Frankreich)
Großartige Show,
es hat mir wirklich gefallen!
(Mark, Holland)
Es war wundervoll, wundervoll und
höchst wundervoll und nochmals wundervoll.
(Dr. K. Debray, Schottland/Indien
Berührendes und Wahres über die Geschichte unser aller Träume. (Edan, Schottland)
Bodhgaya. Der Erleuchtungsort Buddhas. Massen von buddhistischen Pilgern aus aller Welt sind hier anzutreffen. Meditation liegt in der Luft. Überall Tempel und Statuen. Bodhgaya liegt in Bihar, der ärmsten Region Indiens. Im nächsten Dorf finden wir eine kleine Schule für 100 Kinder, die zugleich das Zuhause von 10 Waisenkindern ist.
Wir landen in der Ao Zora Welfare School, als uns zwei junge Studenten, die an der Schule mithelfen, auf der Straße treffen. Sie packen uns nach indischer Art auf ihr Motorrad und zeigen uns die
Schule. Nach einer kurzen Erläuterung unserer Arbeit mit der Theatermethode ACT sind Kinder und Betreuer dort begeistert, und wir vereinbaren, am nächsten Tag anzufangen.
Das Schulgebäude ist klein, mit einem großen Raum wo die Kinder schlafen, leben und Unterricht haben. Die Schule wurde gegründet, als Nikesh, der einige der Kinder auf eigene Faust
unterrichtet hatte, Geld geschenkt bekam. Das wollte er nicht für sich behalten, sondern direkt den Kindern zugute kommen lassen. Seitdem überlebt die ausschließlich spendenfinanzierte Schule von
Monat zu Monat. Lehrer und freiwillige Helfer kommen vorbei, um die Kinder zu unterrichten, so gut sie können.
Der Stundenplan ist voll mit Englisch, Mathematik und Wissenschaften. Für Sport oder Kunst ist kaum Platz, oder es gibt niemanden, der sich dafür einsetzt.
Mit Yoga zum Aufwärmen schlagen wir eine Brücke zwischen den Kulturen. Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, als deutscher Yogalehrer den Kindern in Indien Yoga beizubringen. Aber es
gab bisher tatsächlich noch keinen Yogaunterricht an dieser Schule, und Kinder und Lehrer sind begeistert bei der Sache. Einer der Jungs ist so begeistert, dass er den Entschluss fasst, selbst
Yogalehrer zu werden - eine realistische Perspektive für ihn.
Nach dem Aufwärmen mit Yoga und Bewegung zur Musik kommen die ersten Improvisationsaufgaben. Zunächst noch schüchtern und unsicher, gewöhnen sich die Kinder bald an die neue Erfahrung. Am letzten
Workshoptag sind wir beeindruckt von den Veränderungen, die wir an den Kindern bereits feststellen können. Wieder einmal wird deutlich, wie sehr die Theaterarbeit das Selbstvertrauen
stärkt.
Santosh lebte auf der Straße, bevor er von Nikesh in die Schule geholt wurde. Seine Erfahrungen aus seinem Alltag als Straßenkind werden im Theater sichtbar. In einer Improvisationsaufgabe weiß
er sofort, was er spielen möchte: Wir sehen einen Alkoholiker im Chaishop wie er authentischer nicht sein könnte. Ein Spiegel der Gesellschaft - auch in Indien findet der Alkohol immer mehr
Verbreitung, vor allem in den unteren Kasten. Auf der Bühne finden die beiden eine spielerische Lösung: Über den gemeinsamen Tanz kommt der Alkoholiker wieder in Kontakt mit sich selbst und
seiner Umwelt. Die Szene wird zu einem Grundbaustein des Theaterstücks, das wir bei unserem nächsten Besuch erarbeiten werden.
Hier gibt es die reichlich bebilderten Broschüren zum Durchblättern oder bestellen; mit vielen Bildern und Erläuterungen zur Methode ACT und zu unseren Erlebnissen in Indien!